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Staatsmijn Beatrix im Nationaal Park De Meinweg

 

Irgendwann in 2012, Niederkruechten, Brueggen, Roerdalen-Herkenbosch (NL)

Im Regionalzug von Hamm (Westfalen) nach Venlo in den Niederlanden sitzen mir ab Neuss HBF drei Frauen mittleren Alters gegenueber. Ausser ueber ihre Arbeit unterhalten sie sich darueber, dass sie gleich auf den Markt gehen. Damit meinen sie ja vermutlich den Nolensplein in Venlo, wo samstags immer Duitser dag ist. Am Moenchengladbach HBF verlasse ich den Zug und gehe noch in einen Drogeriemarkt am Europaplatz, um eine Einwegkamera zu kaufen. Bei der Fahrgastinformation am Busbahnhof sagt man mir dann, dass der SB 83 gleich in 10 Minuten ab Bahnsteig 6 abfaehrt. Ueber Waldniel fährt der Bus vorbei an der uralten Luettelforster Wassermuehle mit noch funktionierendem Muehlrad in Schwalmtal. Hier ist es richtig laendlich und es sieht schon aus wie Holland. Auf einem Plakat steht: Maak moet. Karneval in Kruechten. Ein paar Stationen vor der Endhaltestelle am Zollamt von Niederkruechten-Elmpt steige ich aus dem Bus. Ich finde schnell den Weg In der Furt wieder, wo es zum hollaendischen Nationalpark De Meinweg in Roerdalen-Herkenbosch geht. An Einfamilienhaeusern und Bauernhoefen vorbei faehrt der Weg nun rechts in den Wald hinein. Dann muss ich durch immer dichter werdenden Wald bis zur Autobahnunterfuehrung. Und dann bin ich vollkommen alleine mit der Natur, die Sonne kommt nun sogar heraus. Ich finde die Stelle, wo Marion, Tim und ich uns im letzten Jahr verlaufen hatten und lange um den nahegelegenen Militaerflugplatz Brueggen herumgelaufen waren. Da zeigt wirklich an der Kreuzung im Wald ein Schild vom Wanderweg A9, der auch in dem dem kleinen Reisefuehrer erwaehnt ist, nach rechts; tatsaechlich sind es aber von hier nur noch ein paar Meter geradeaus bis zur hollaendischen Grenze zu gehen. Man sieht schon links durch die Baeume hindurch die Lichtung des weit in deutsches Gebiet hineinragenden keilfoermigen hollaendischen Landschaftsteils des Meinwegs, der hier im Gegensatz zum deutschen Gebiet drumherum nicht bewaldet ist. Weit kann man von hier ueber Felder in die freie Landschaft hineinblicken. Und dann ist an diesem Weg links der erste Beweis, dass ich nun in Holland bin. Auf einem Verkehrsschild steht Uitgezonderd ruiter op ruiterpaden. Und nun habe ich einen langen, vollkommen einsamen, aber trotzdem unterhaltsamen Weg in den Nationaal Park de Meinweg hinein. Nur einmal kommt mir ein Mann mit Hund entgegen. Wir gruessen knapp mit Hallo. Erst als ein paar Minuten spaeter der Hund mit einem Affenzahn auf mich zusprintet und der schon weitergegangene Mann laut ruft, dass der Hund aber nichts tut und ihn mit Frollein zurueckruft, weiss ich, dass das auch ein Deutscher ist. Nun gehe ich mal einen kleinen Feldweg in die offene Landschaft links hinein. Nach etwa einem halben Kilometer stoesst dieser Weg auf eine asphaltierte Strasse, die ich nun rechts hinein gehe. Hier fahren auch ab und zu mal Autos mit den gelben hollaendischen Kennzeichen oder Fahrraeder vorbei. Ein aelteres Ehepaar auf Fahrrad gruesst mich freundlich auf hollaendisch mit Hello. Rechts vor mir ist jetzt ein umzaeuntes dicht bewaldetes Gelände. Am Anfang steht ein hohes Stahlgeruest. Und ueberall haengen Schilder an der Umzaeunung, wo etwas von Verboden toegang und hoge spanning, levensgevaar draufsteht. Das hier ist laut Plan im Reisefuehrer die Staatsmijn Beatrix. Ich war ganz erstaunt, als ich im Internet gelesen habe, dass das hier eine Steinkohlenzeche ist, wo ab 1954 ueber 700 Meter tiefe Schaechte abgeteuft wurden. Die Zeche wurde aber nie in Betrieb genommen, weil dann noch vor Fertigstellung des Werks die Kohlekrise und der Strukturwandel in der Montanindustrie begann. Wie in den suedlimburgischen ehemaligen Zechenstandorten Heerlen z.B. mit den Zechen Oranje-Nassau I.-IV. und Kerkrade ist also auch hier eine (potentielle) Zeche. Staatsmijn Beatrix haette die modernste Zeche der Niederlande werden sollen.

Die der Zeche den Namen gebende Koenigin Beatrix habe ich einmal leibhaftig gesehen, als sie anlaesslich des grossen Maashochwassers Anfang 1995 in Venlo war. Etwas neugierig auf ihren Besuch ging ich an dem Tag mal in die Stadt und konnte tatsaechlich unweit des Venloer Rathauses, wo Strassen und Plaetze von dem Hochwasser ueberflutet waren, einen Blick auf die von vielen Menschen umringte Koenigin erhaschen. Und als ich danach durch den Straelse Weg nach Hause ging, fuhr die Staatskarosse mit der Koenigin noch an mir vorbei. Die Koenigin winkte aus dem offenen Fenster des Wagens den Menschen zu.

Nun sieht es an einer Strassenkreuzung sogar etwas so aus, als ob es jetzt sogar in bewohnte Gebiete geht. Eine Hausruine steht an einer Stelle, immer wieder kommen mir nun Leute auf Fahrraedern entgegen. Aber dann wird die Landschaft noch spektakulaerer und eindrucksvoller. Es haeufen sich die Stellen mit Erikabewuchs, allerdings sind die Pflanzen laengst verblueht. Im Herbst ist es sicher wunderbar hier, wenn die Erika in voller Bluete steht. Es gibt kleine Birken- und Kieferwaelder, an einer Stelle ist ein Vogelreservaat. Es wird immer huegeliger und sumpfiger mit kleinen schwarzen Teichen zwischendrin. An manchen Stellen weiden Pferde, andere Orte sind von Wildgaensen bevoelkert. Ganz urtuemlich wirkt diese Landschaft.

Aber irgendwie habe ich mich nun wieder verlaufen. Wie beim letzten Mal. Rechts ist die Heidelandschaft und links und vor mir ist nur dichter Wald. Das sieht nicht so aus, als ob es hier zu dem Elfenmeer geht, wo der Weg laut Reisefuehrer hinfuehren sollte. Und so gehe ich dann auf Verdacht einen schmalen Weg rechts in die Heidelandschaft hinein. Und hier irre ich dann in grandioser Landschaft stundenlang herum. Nur einmal sehe ich in der Zeit andere Menschen in weiter Entfernung; die sind aber viel zu weit weg, als dass ich sie fragen kann, wo ich ueberhaupt bin. Es ist mir absolut ein Raetsel, wo ich hier wohl auskomme. Notfalls muss ich dann halt ueber Herkenbosch, Roermond und Venlo wieder nach Hause fahren. Endlich sehe ich aber dann vor einem grossen schwarzen Teich dem Elfenmeer? - ein Drehkreuz, wie es das auch am Eingang zum Hochmoor des Hohen Venns in Belgien gibt. Eine Schrifttafel sagt mir sogar zweisprachig, also auch auf deutsch, dass hier das Boschbeekdal ist. Auf dem kleinen Plan im Reisefuehrer sehe ich, wo ich jetzt bin. Der Teich ist wirklich das Elfenmeer und ich bin kurz vor dem hollaendischen Dorf Herkenbosch an der deutsch-hollaendischen Grenze ausgekommen. Dahinten der Wald ist Deutschland, davor ist Holland und tatsaechlich steht im Gebuesch einer dieser vierkantigen Grenzpfaehle, schon total verwittert. Nirgendwo sind hier ja noch Grenzkontrollen.

 
 
Rechts in dem Waldstück ist die "Staatsmijn Beatrix".